Italien im Herzen

Lesenswert: „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante

Die Neapolitanische Saga „Meine geniale Freundin“ hat weltweit das „Ferrante-Fieber“ ausgelöst. Die vielen positiven Rezensionen und der Hype um die mysteriöse Autorin haben mich neugierig gemacht, aber auch ein bisschen skeptisch. Als Neapel-Fan wollte ich es natürlich wissen: Wie liest sich diese Geschichte einer Frauenfreundschaft  im Neapel der Nachkriegsjahre?

Altstadt von Neapel - Via dei Tribunali

Altstadt von Neapel – Via dei Tribunali

Am Wochenende habe ich ihn verschlungen: den ersten Teil „Kindheit und Jugend“ der vierbändigen Romanreihe „Meine geniale Freundin“. Geschrieben hat ihn die „Große Unbekannte“ der Gegenwartsliteratur, die sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt und ihre wahre Identität nicht der Öffentlichkeit preisgeben möchte. Schon nach zwei Seiten konnte ich den Bestseller nicht mehr aus der Hand legen und ich muss gestehen: Das „Ferrante-Fieber“ hat scheinbar auch mich erwischt.

Eine Freundin löst sich in Luft auf

Um was geht es im ersten Band? Ohne zu viel der Handlung vorwegnehmen zu wollen: Die in Turin lebende Lenù erhält einen Anruf vom Sohn ihrer Kindheitsfreundin Lila aus Neapel. Hilflos teilt er ihr mit, dass seine Mutter spurlos verschwunden sei. Und so beginnt sich die mittlerweile 66 Jahre alte Lenù an ihre Jugendfreundin zu erinnern:

„Sie wollte sich in Luft auflösen, wollte dass sich jede ihrer Zellen verflüchtigte…“ (S. 19)

Rückblickend erzählt sie vom Beginn ihrer Freundschaft im Neapel der Nachkriegsjahre. In den 1950ern lernen sich Elena Greco (Lenù) und Raffaella Cerrulo (Lila) als Kinder kennen, beide leben in einem armen Rione (Viertel). In diesem Umfeld ist Angst allgegenwärtig und der Tod durch Krankheiten und Unfälle ein Vertrauter. An Gewalt und elterliche Wutausbrüche gewöhnt, versuchen die Mädchen ihren Alltag so eigenbestimmt wie möglich zu meistern. Obwohl beide sehr gute Schülerinnen sind, wird es der außergewöhnlich begabten Lila von ihren Eltern verwehrt, die Mittelschule zu besuchen. Stattdessen beginnt sie noch sehr jung in der Schusterei ihres Vaters zu arbeiten. Lenù, die Tochter eines Pförtners, hat hingegen mehr Glück, darf weiter zur Schule gehen und entfremdet sich immer mehr dem Rione, wo Bildung nichts gilt. Im Laufe der Erzählung wachsen die Mädchen zu jungen Frauen heran und gehen unterschiedliche Wege, blieben aber freundschaftlich verbunden.

Streben nach Glück und Bildung

Doch das ist nur die vordergründige Handlung von „Meine geniale Freundin“, die für sich genommen allerdings bereits sehr spannend ist. Neben Freundschaft geht es um weibliche Selbstbestimmung. Es geht um das Streben nach Bildung und die Chancen(un-)gleichheit sozial benachteiligter Schichten, besonders aber von Frauen. Und beinahe beiläufig entsteht ein Gesellschaftspanorama vom Neapel der 1950er. Themen wie der Zugang zu Bildung und soziale Ungerechtigkeit waren nicht nur im Neapel der Nachkriegsjahre aktuell sondern sind es zeitübergreifend in jedem Land (möglicherweise ist auch das einer der Erfolgsfaktoren dieses Buches). Hinzu kommen allerdings in diesem Rione besonders schwierige Bedingungen: Dort  herrscht die Camorra und die Mädchen fürchten sich vor Don Achille, dem „Unhold aus dem Märchen„. Es gelten die Gesetze einer Macho-Gesellschaft, in der sogenannte Ehrverteidigungen an der Tagesordnung stehen. Verheerend sind die Folgen der generationenübergreifenden „vendetta“-Spirale, der Blutrache. In diesem Milieu müssen sich Frauen ständig vor der Beschmutzung ihres Rufes durch boshafte Gerüchten schützen und erfahren, dass eine „vorteilhafte“ Ehe“ einen höheren Stellenwert hat als eine Ausbildung.

Ferrante versteht es, durch ihre beiden vielschichtig angelegten Hauptcharaktere Spannung zu erzeugen. Die geniale und als Kind oft rachsüchtige Lila bleibt auch als junge Frau unberechenbar, wenngleich ihre Handlungen für mich durchaus nachvollziehbar sind. Während sich die Freundschaft der beiden Mädchen weiterentwickelt, erschafft Ferrante ein Bild der neapolitanischen Nachkriegsgesellschaft in einem Arbeiterviertel, wo die Menschen ihren Teil vom Wirtschaftswachstum bekommen möchten – auch wenn sich an den Früchten ihrer Arbeit oft noch andere bereichern möchten. Manche lassen sich beeindrucken vom Reichtum der Rione-Chefs, den Solara-Brüdern, die mit ihrer gut gehenden Bar Neid wecken, aber auch Anerkennung bekommen. Es ist nicht erstaunlich, dass sogar die Beziehung  zwischen Lila und Lenù Züge dieses Viertels trägt: Rivalität, Rachsucht, Bewunderung. Keine rosa Mädchenfreundschaft, dafür ist das Umfeld „wie Du mir so ich Dir“ wohl zu hart.

Der Beginn von Lilas Auflösung

Eindringlich ist die Schilderung der Silvesterfeier, bei der „Lila ihre erste Episode der Auflösung erlebte“ (S. 105). Den Anbruch des Jahres 1959 feiern die Mädchen mit ihren Freunden, schnell beginnen sich die jungen Männer mit einer rivalisierenden Gruppe beim Feuerwerk zu übertrumpfen, bis schließlich alles eskaliert. Noch heute wird am 31. Dezember in Neapel schon nachmittags geknallt, ein Crescendo bis weit nach Mitternacht, wenn sich unter die immens lauten Kracher das Geheule der Autoalarmanlagen mischt und die Stadt schließlich von einem undurchdringbaren Nebel überzogen wird. Auch wenn die Unfälle zurückgehen und die Stadt seit vielen Jahren auf der Piazza Plebiscito eine tolle öffentliche Silvesterfeier organisiert, bleibt die Begeisterung vieler Neapolitaner für spektakuläres und lautes Feuerwerk ungebrochen.

Am Hafen Santa Lucia tummeln sich viele Yachten ( Redaktion Portanapoli.com)

Die sonnige Welt der Reichen: Yachthafen von Santa Lucia

Damals wie heute: zwei Parallelwelten in einer Stadt

Besonders beeindruckt mich die Szene, in der die beiden Freundinnen einen Ausflug in die elegante Via Chiaia und in die Via dei Mille machen.
„Es war als hätten wir eine Grenze passiert“ (S. 140), erinnert sich Lenù. „Sie waren vollkommen anders als wir. Sie schienen eine andere Luft geatmet zu haben (..)“..„wenn ihr Blick manchmal auf uns fiel, wandten sie sich sofort angewidert ab“. (S. 141)
Nach wie vor gibt es in Neapel „zwei Welten“: das schicke Chiaia, Mergellina, Posillipo, die Promenade mit ihren Luxushotels – und auf der anderen Seite, aber dicht beieinander, die engen dunklen Wohnungen der Quartieri populari.
Schmale Gasse in der Altstadt

Selten vom Licht verwöhnt: Schmale Gasse in der Altstadt

Noch heute leben in Napoli Menschen beengt in „bassi“, das sind Etagenwohnungen, wo ganze Familien in einem Zimmer auf Straßenhöhe wohnen, und ganz in der Nähe gibt es in Posillipo millionenschwere Villen. In den Arbeitervierteln wird fast nur Neapolitanisch gesprochen, eine eigene Sprache. Wer sich mit dem Italienischen schwer tut oder es vielleicht gar nicht beherrscht, outet sich schnell als weniger gebildet.

Schauplatz von „Meine geniale Freundin“ ist das Rione Luzzati

Wer Neapel kennt, entwickelt im Kopfkino schnell die Bilder der sonnenverschmähten Gassen dieses volkstümlichen Rione. In Italien ist viel darüber spekuliert worden, welches Viertel der Schauplatz des Romans ist. Viele geographische Details zeigen, dass es sich um das Rione Luzzati di Gianturco in der östlichen Peripherie von Neapel handelt. Es galt nach dem Krieg als das ärmste Rione der Stadt, wurde von der Camorra kontrolliert und war stark von  Bombardierungen betroffen. Das Video „Viaggio nei luoghi del romanzo „L’amica geniale““ (dt. „Reise zu den Orten des Romans (,,) „) ist eine Mini-Doku zu den Schauplätzen: http://www.fanpage.it/l-amica-geniale-di-elena-ferrante-viaggio-nei-luoghi-del-romanzo-video/

Elena Ferrante – die große Unbekannte der Gegenwartsliteratur

Ferrante hat sich für die Anonymität ihrer Autorenschaft entschieden und äußert sich nur in wenigen schriftlichen Interviews, eines davon hat sie dem Spiegel gegeben (Ausgabe 34/2016). Dort erklärte sie, dass sie eine Frau ist, aus Neapel stammt und Mutter ist. Mehr Infos über ihre Person will sie nicht veröffentlichen. Ferrante ist der Meinung, dass ein vollendeter Roman keine Autorenschaft mehr benötige und interessante Bücher ihre Leser finden, auch ohne PR. Paradoxerweise hat gerade das Geheimnis um ihre Identität zum Verkaufserfolg ihrer Bücher beigetragen, denn immer wieder wird es in den Medien thematisiert. Man begibt sich akribisch auf Spurensuche, interpretiert jedes literarische Detail und glaubte schon mehrmals, Ferrante gefunden zu haben. Wäre es nicht besser, ihre Romane in den Mittelpunkt zu stellen und die Diskussion um ihre Identität zu beenden? Ich meine, man sollte ihren Wunsch nach Anonymität respektieren.

„…was Charles Dickens für London gewesen ist“

„Meine geniale Freundin“ wurde nach dem Erscheinen in Italien schnell ein Bestseller und nach der Übersetzung ins Englische mit überragenden Kritiken überhäuft. So schreibt z.B. die Washington Post (und das gefällt mir besonders gut): „Elena Ferrante ist für Neapel, was Charles Dickens für London gewesen ist.“ Ein Kritiker der New York Times meint, es sei „Das beste Porträt einer Frauenfreundschaft in der gesamten modernen Literatur.“ Das lange Warten auf die deutsche Übersetzung war müßig, hat sich aber gelohnt: Die prämierte Übersetzerin Karin Krieger hat eine wunderbare Arbeit geleistet. Ende Januar 2017 ist das Erscheinen des zweiten Bandes im Suhrkamp-Verlag geplant, er heißt „Die Geschichte eines neuen Namens“. Bis Ende 2017 sollen dann auch die Übersetzungen der restlichen zwei Bände veröffentlicht werden.

Update 7.2.2017: Hier geht es zur ausführlichen Vorstellung von Band 2 „Die Geschichte eines neuen Namens“.

Fazit: Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen, ja er hat mich innerhalb weniger Seiten völlig gepackt. Spannend und direkt entführt er die Leser auf eine Zeitreise ins Neapel der Nachkriegsjahre, erzählt von einer vielschichtigen Freundschaft und gibt ganz nebenbei viele Denkanstöße. Deshalb von mir: unbedingte Leseempfehlung!

Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend) *
Gebundene Ausgabe, 422 Seiten
Erschienen im Suhrkamp Verlag (29. August 2016)
ISBN-10: 3518425536
ISBN-13: 978-3518425534

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Ein Kommentar zu “Lesenswert: „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante

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