Italien im Herzen

Buchvorstellung: „Süditalienische Reise“ von Giuseppe Ungaretti

„Dichtung heißt, die Erinnerung in Träume zu verwandeln und etwas glückhaftes Licht auf die Straße des Unbekannten zu legen.“ (Neapel, 19. Juli 1932)
Die Kunstprosa „Süditalienische Reise“ von Giuseppe Ungaretti zeugt in kraftvollen Bildern und Metaphern von der überwältigenden Schönheit Süditaliens. 

Süditalienische Reise von Giuseppe Ungaretti

Im Jahr 1932 bereist der italienische Dichter Giuseppe Ungaretti die schönsten Orte Kampaniens. Mit spürbarer Liebe zu Süditalien beschreibt er in acht kurzen Reiserzählungen die Menschen, die herrliche Landschaft und berühmte Plätze der Antike. Oft fließen dabei kunsthistorische und literarische Bezüge ein.

In Traum und Wirklichkeit

Besonders beeindruckt hat mich seine Beschreibung von Pompeji, wo er  „In Traum und Wirklichkeit“ wandelt: „Das Staunen, das man in dieser Stadt empfindet, ist, dass sie noch immer warm ist vom Atem ihrer Menschen; sie stellt sich weder dar wie eine Erinnerung noch wie ein Traum, sondern als ein alter Augenblick, für den die Zeit just nun anfängt abzulaufen.“ (S. 55)

In Neapel spaziert Ungaretti im Juli 1932 über die Via Carraciolo, heute einer der am meisten besuchten Stellen der Stadt. „Es ist eine moderne Straße, parallel zum Meer gebaut, und ein menschenleerer Ort in dieser wie ein Bienenstock vollen Stadt. Am Anfang säumen sie Luxushotels, hohe Wände, die zurückzutreten scheinen, um euch allein zu lassen. Dann Gärten…“ (S. 71, Vasàmolo int‘ a l’uocchie – Küssen wir’s auf die Augen).

Unvorstellbar, aber damals war die Promenade menschenleer! Mich fasziniert dieser Einblick in das Napoli-Stadtbild vergangener Zeiten.

An der Via Partenope wird flaniert und gebadet.

Die Via Partenope mit ihren Luxushotels heute

Giuseppe Ungaretti ist einer der bedeutendsten italienischen Lyriker

Geboren wurde er 1888 in Alexandria als Sohn toskanischer Auswanderer. Als Italien in den Krieg eintritt meldet er sich freiwillig und schreibt an der Front Gedichte wie „Mi illumino/d’immenso“, welche die italienische Lyrik erneuern sollten. Im Jahr 1916 erscheint schließlich sein erster Gedichtband  „Il Porto sepolto“. Nach dem Krieg arbeitet er als Journalist und Literaturprofessor in Sao Paolo. 1942 kehrt er nach Italien zurück und übernimmt in Rom den Lehrstuhl für Zeitgenössische Literatur. 1970 starb Ungaretti in Mailand.

Stefan Ruess hat die Reiseerzählungen neu übersetzt. In den „Anmerkungen des Übersetzers“ gibt er interessante Informationen zu den Besonderheiten der deutschen Ausgabe. Gelungen und auflockernd finde ich die Zeichnungen der Künstlerin Sabine Jansen (www.oh-welt.de).

Der schmale Band ist 2013 im Schweizer Verlag „edition taberna kritika“ erschienen. Der Titel der  italienischen Originalausgabe ist „Viaggio nel Mezzogiorno“ (Neapel, 1995).

Fazit: Das Büchlein ist keine leichte Kost, die man nebenbei liest. Wer sich aber auf die farbigen Metaphern der Reiseprosa und die traumwandlerische – ja manchmal nahezu akrobatische – Erzählkunst Ungarettis einlassen kann, wird für ein paar Augenblicke die Zeit vergessen. In mir hat der Band Sehnsucht nach dem Golf von Neapel geweckt.

Süditalienische Reise: Reiseprosa * von Giuseppe Ungaretti
Übersetzt aus dem Italienischen von Stefan Ruess
Taschenbuch: 88 Seiten
Verlag: edition taberna kritika, erschienen am 26. März 2013
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3905846233 und ISBN-13: 978-3905846232

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